• Malin

Das Ende von Eddy

Édouard Louis und die großen Momente


"An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung. Das soll nicht heißen, ich hätte in all den Jahren niemals Glück oder Freude empfunden. Aber das Leiden ist totalitär: Es eliminiert alles, was nicht in sein System passt." (S.11)


Mit diesen Worten beginnt Édouard Louis seinen ersten Roman "Das Ende von Eddy" und sie könnten nicht bezeichnender sein für das, was auf den nächsten Seiten geschildert wird. Wir lernen einen Jungen kennen, der schikaniert wird für seine Vorlieben, für sein Aussehen und sein Verhalten. Es sind Gefühle der Ohnmacht und der Wut, der Scham und Orientierungslosigkeit, die Eddy nicht nur im Klassenzimmer, sondern auch in seinem Zuhause begleiten. Die rohe Sprache, nicht nur repräsentativ für den Umgang in der Schule oder auf dem Fußballfeld, bedient sich keinerlei Stilisierung. Es bedarf hier keiner langen Hypotaxen und geblümten Metaphern. Der schlichte Ton ist nicht angreifend, aber voller stiller Wut.


"Als Vater unterstrich man seine Virilität durch seine Söhne, man war es sich schuldig, ihnen die Werte der Männlichkeit zu vermitteln, und das hatte mein Vater auch mit mir vor, einen echten Kerl würde er aus mir machen, sein männlicher Stolz stand auf dem Spiel. Er hatte beschlossen, mich Eddy zu nennen, inspiriert von den amerikanischen Serien, die er im Fernsehen sah (das ewige Fernsehen). Dazu bekam ich ich die ganze Vergangenheit mit, die zu seinem Namen gehörte, Bellegeule. Ich würde also Eddy Bellegeule heißen. Der Name eines echten Kerls." (S. 22 f.)


Das Motiv des Namens durchzieht den Roman als roten Faden. Es ist Symbol seiner Familiengeschichte, seines Umfeldes und Heranwachsen. Ein Name, der dafür steht, was hier angeprangert wird: systematische Unterdrückung. Sie beginnt schon vor seiner Lebenszeit. Über Generationen weitergegeben verfestigte sich im Heimatort von Eddy das Bild des männlichen Mannes, der eingefahrenen Gedanken von richtig und falsch, die Wut auf andere, der Frust und die Aussichtslosigkeit. Eddy will weg. Mit dem Weg aufs Lycée erhält er die Chance auszubrechen. Es ist das Ende von Eddy.


Beklommenheit stellt sich ein, wenn Eddy darüber berichtet, wie er die Sportjacke, ein Abschiedsgeschenk seiner Eltern, absichtlich wegwirft, um sich den anderen Jungs in Wollmänteln auf dem Gymnasium anzupassen: "Meine Mutter weint, als ich es ihr erzähle, mit einer Lüge (ich habe sie verloren)." (S. 206). Es ist dasselbe Gefühl, das sich einstellt, wenn er über sein Heimatdorf erzählt. Über die Disko, über den Führerschein, die Lügen und die Vorurteile. Das Gefühl anders zu sein, zum anderen gemacht werden bleibt bestehen. Sowohl in den Versuchen die eigene Sexualität ausleben als auch sie zu unterdrücken. Die Kapitel, die Laura und auch Sabrina heißen, präsentieren einen Jungen, der verloren ist zwischen Scham und Stigma. Der so unglücklich mit sich selbst wird, dass er glaubt sich selbst belügen zu müssen, um endlich die Form der Akzeptanz zu finden, nach der er sich mehr als alles andere sehnt.

 

Es ist schwer in Worte zu fassen, was alles hinter diesem Roman steht. Er ist das Sinnbild eines Gefühls. Und ein Ansatz des Verstanden Werdens. Er reiht sich ein in die großen Stimmen dieser Literatur. Problemlos lassen sich Annie Ernaux, Didier Eribon, Marion Messina und Édouard Louis nacheinander aufzählen, die über die Grenzen ihrer System berichten und dies in überschwänglicher Eindringlichkeit, jeder auf sein/ihre Weise.






40 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen