• Malin

Rezension 'Zart und frei'

Aktualisiert: 28. Mai 2021

Das neue Buch von Carolin Wiedemann 'Zart und frei. Vom Sturz des Patriachats' unternimmt den Versuch einer Nachzeichnung der Geschichte des Patriarchats und dessen Zusammenhängen mit dem Kapitalismus, die sich gerade in der bürgerlichen Gesellschaft und den damit einhergehenden Vorstellungen erkennen lassen. Was zunächst als umfangreiches Sujet für so ein schmales Buch erscheint, wird jedoch in den einzelnen Kapiteln aufschlussreich dargelegt und illustriert.



Wiedemann widmet sich diesem Thema mit höchster Behutsam-, aber auch Eindringlichkeit, was den Text umso prägnanter macht. Die Autorin, die u. A. bereits für FAS, analyse & kritik, Spiegel und Missy Magazine über die Formen von Kritik und Zusammenhänge mit Emanzipation geschrieben hat, zeigt im diesem Buch die Entwicklung der Patriarchatskritik auf und bindet dabei besonders die Thematik der aktuellen antifeministischen Mobilisierungen und Anfeindungen des Feminismus mit ein. Diese theoretischen Hinführungen mögen für einige Leser*innen bereits mehr oder minder bekannt sein, aber sind dennoch wichtige Bestandteile des Buches und schaffen eine erweiterte Perspektive.




"Lasst uns lieben, uns dafür entscheiden, es zu tun. Uns darin üben, Verantworten gpu übernehmen, dem Kapitalismus, der permanenten Anreizung von Bedürfnis und Mangel zu entsagen, dem Patriarchat zu entsagen, das unsere Beziehungen so tief bestimmt, und freier und zarter miteinander zu sein. Zart im Sinne von achtsam, fürsorglich. Sich zu lieben, heißt dann, sich wechselseitig dabei zu unterstützen, unser Zusammenleben und unsere Beziehungen besser zu verstehen sowie die uns prägenden Machtverhältnisse bzw. unsere individuellen Positionen und Verstrickungen darin. Aus diesem Verständnis erwächst die Perspektive, einen Umgang abzuleiten, der uns erlaubt, freier zu werden, angstfreier und ungehemmter – und gleichzeitig mehr Vertrauen in uns selbst und andere, in die Beziehung zueinander." (S. 167f.)

Gelungen ist vor allem die sprachliche Komponente, die das Buch so zugänglich macht. Die Sprache ist einfach, aber präzise und an den passenden Stellen durch Emotionen angereichert. Das vierte Kapitel, in dem Wiedemann über neue Beziehungsmodelle schreibt, widmet sich nicht nur theoretischen Überlegungen, sondern präsentiert auch Menschen, die in genau solchen Beziehungen leben, ob nun zu dritt, in einer Gemeinschaft oder diversen Konstellationen.


Das "post-romantische Lieben", wie es im Buch beschrieben wird, präsentiert alternative Formen der Liebe, denen der kapitalistische Anspruch des Besitzes eines Partners oder der Vermehrung von Liebe und Ansehen entzogen wird. Denn "es ist keine Liebe, Menschen und Beziehungen untereinander wie Objekte zu behandeln." (S. 166) Wiedemann geht dabei auch auf die Schwierigkeiten dieser Beziehungen ein und macht ein Mal mehr deutlich, wieviel sich nicht nur in unserem Denken, sondern auch in beispielsweise juristischen Aspekten unserer Gesellschaft noch verändern sollte, um neue Kontinuität zu schaffen und zu sichern.


Also eine absolute Empfehlung dieses Buch zu lesen!



Herzlichen Dank an den Matthes & Seitz Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplars!


Carolin Wiedemann: Zart und frei. Vom Sturz des Patriarchats. 2021.

200 Seiten, Hardcover, 20 Euro


Hier der Link zum Buch: https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/zart-und-frei.html?lid=2


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