• Malin

Rezension 'Wie die Gorillas'

Es ist die wohl wichtigste Bucherscheinung des noch so jungen Jahres und das, obwohl es sich um einen Debütroman handelt. Esther Becker hat mit 'Wie die Gorillas' einen Beitrag zur Gegenwartsliteratur geleistet, der sich schon jetzt nicht mehr wegdenken lässt. Der auf 154 Seiten verdichtete Einblick die Welt junger Frauen verdient ganz besondere Beachtung im literarischen Diskurs und beleuchtet ein Tabu-Thema, das längst keins mehr sein sollte: Frau-Werden.


Erzählt wird die Geschichte von drei jungen Frauen, Svenja, Olga und der Protagonistin. Sie erleben die klassischen Peinlichkeiten und Probleme einer schier endlos andauernden Pubertät – oder steckt da mehr dahinter? Zu oft findet man sich selbst in den geschilderten Erlebnissen wieder: Verschämt mit dem Rasierer oder einem Tampon zur Umkleide oder Toilette gehen, das sind Vorgänge, wie sie wohl jeder Frau bekannt sind. Unzureichend angepasste Pillen zur Verhütung und die Auswirkungen dieses Chaos an eigenen Körper. Das mit solchen Situationen verbundene Stigma lässt sich nicht so einfach abschütteln, das erleben auch die Frauen in 'Wie die Gorillas':


Was machst du, wenn deine Kinder Frauen werden? Wenn deine Kinder Töchter sind und Frauen werden, was machst du dann? Wenn deine Töchter keine Kinder mehr bleiben wollen (wie du insgeheim hofftest), sich aber immer noch so aufführen? (Esther Becker: Wie die Gorillas. 2021, S. 35)

Svenja, deren größter Traum ist Schauspielerin zu werden, bindet sich die Brüste ab, um eine der begehrten Rollen am Theater zu erhalten – die allerdings von einem Mann zu besetzen wäre. Becker schildert diese Situation mit viel Humor und zwei übereinander gezogenen Sport-BHs, aber der Ernst der Situation wird dabei nicht überdeckt. In ihrer Ausweglosigkeit ist Svenja bereit alles zu opfern und den Angaben des Regisseurs hoffnungslos unterlegen. Gespielt wird hier nicht nur mit Kostümierung, sondern mit eingefahrenen Verhaltensmustern, deren Paradoxie aufzuzeigen als wichtigste Botschaft des Romans verstanden werden kann.


Eine Auslegung der Individualität verstehen die Mädchen unterschiedlich und zeigen auf, wie sie die ihnen auferlegten Grenzen verstehen und testen:


Der Arzt ist eigentlich Zahnarzt und macht das nebenher, meine halbe Schule war schon hier. Er nimmt es nicht so genau mit dem elterlichen Einverständnis, man muss ihm zwar was Schriftliches vorlegen, aber da er die Unterschrift unserer Eltern nicht kennt, ist das reine Formsache [...] Olga hat sich die rechte Brustwarze durchstechen lassen. Sie hätte eigentlich lieber einen Ring durch den Bauchnabel gehabt wie ich, und an ihrem Bauch, der im Gegensatz zu meinem richtig flach und muskulös ist, würde das auch großartig aussehen, doch ihr Busen ist das einzige Körperteil neben ihrem Schambereich, den ihre Eltern nicht stichprobenartig auf Knutschflecke untersuchen. (Wie die Gorillas, S. 31)

Als die Ich-Erzählerin den Verdacht bekommt schwanger zu sein, ist sie nicht in der Lage sich ihrer Ärztin mit ihren gemischten Gefühlen anzuvertrauen. Zu groß ist die Sorge vor Verurteilung oder der Enttäuschung anderer. Als sich die vermeintliche Schwangerschaft als Unregelmäßigkeit des Zyklus erweist ist die Ich-Erzählerin erleichtert, aber das Kapitel ist beendet.


Wir brauchen keine Minze. Wir brauchen nichts. Wir haben uns, wir halten uns an den Händen. Wir können kreischen, tun wir aber nicht. Wir halten uns gegenseitig den Zeigefinger an die Lippen. Wir sind klug. Wir sind unbesiegbar. Wir machen uns keine Sorgen, wir grinsen einfach in uns hinein uns fällt nichts mehr ein, an was wir denken müssen. Wir wollen feierlich vergessen, was uns nicht gefällt. (Wie die Gorillas, S. 48f.)

Was Esther Becker mit diesem Roman gelingt ist das Wechselspiel von Ausgelassen- und Ernsthaftigkeit. Es regt zum Nachdenken an. Wie bin ich selbst aufgewachsen? Welchen Vorurteilen oder Problemen bin ich selbst begegnet, wo finde ich mich wieder? Und das wichtigste: was lässt sich dagegen tun? Es ist ein Buch, das über die Grenzen seine Bindung hinausgeht und (hoffentlich) große Wellen schlagen wird.



Not sponsored.

Link zu Buch: https://www.verbrecherei.de/book/detail/1050


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