• Malin

Im Zirkus

Aktualisiert: 16. Dez 2020

Die Luft auf dem Zeltplatz war stickig, mit jedem Atemzug spürte er kleine Staubkörner im Rachen, die in der Luft schwebten und er musste sich mehrmals die Augen reiben, um im Dunst der Umgebung etwas sehen zu können. Die Augen tränten leicht, die Wangen waren gerötet, während die Hitze unermesslich weiterstieg. Halb versunken in Gedanken, halb konzentriert drauf einen Fuß vor den anderen zu setzen, um auf der unebenen Fläche nicht den Halt zu verlieren in den dünnen Schuhen, die er trug, lief er zu seinem Waggon Nummer 9., der, gemeinsam mit acht anderen, halbkreisförmig um den Platz positioniert war. In der Mitte thronte das Zirkuszelt, angestrahlt von hunderten Glühlampen, Spuren zeigend der besseren Jahre, als die Risse und Flecken des täglichen Umgangs noch nicht da gewesen waren. Die Dämmerung tauchte das Gelände in silbernes Licht und kurz gelang es ihm einen klaren und ruhigen Atemzug zu erhaschen, der von der Heiligkeit dieses Ortes geprägt war. Der Schein brach, als der Staub aufgewirbelt wurde und der Lärm begann.


Noch bevor die ersten Besucher zu sehen waren konnte man ihre Schreie hören. Das unbesonnene Gebrüll, das Mensch und Tier gleichermaßen in Aufregung und Beunruhigung versetzte, Tag für Tag, trotz der Routine, die sie alle erlangt hatten. Der Lärm verbreitete sich rasch, erreichte in kaum gedämpfter Lautstärke die Tiergehege hinter den Waggons, Pferde stoben achtlos auseinander, die Hunde bellten unkontrolliert. Der Lärm blieb, auch wenn die Lichter nach der Vorstellung ausgehen würden. Er flüchtete sich mit ungeahnter Heftigkeit in seinen Wohnwagen, dessen eierschalenfarbene Vorderseite sich mühelos an seine trostlose Umgebung anpasste. Abgeschirmt von der Außenwelt und angekommen im Mikrokosmos des Zirkus, dessen einziger Gast er war, bereitete er sich das letzte Essen vor der Vorstellung vor, Bratkartoffeln in runde Scheiben geschnitten, Jahr um Jahr perfektioniert, und aß ohne Eile und auch ohne Erregung schweigend in der Nische zwischen Bett und Kochzeile, die Beine angewinkelt und an den kleinen Körper gedrängt, um die Wärme nicht zu verlieren. Nur noch ganz schwach war der Lärm draußen zu vernehmen, aber hier war er sicher, hier fühlte er sich geborgen. Noch sieben Minuten, dann würden die Scheinwerfer sich auf ihn richten, jede überschminkte Pore seines Körpers ins Licht rücken, während die Schweißperlen an seiner Stirn auf das Kostüm tropfen werden würden, kleine Rinnsale bildend und sich ins Kostüm grabend. Das waren hartnäckige Flecken, denn die Mischung aus Salz und Schminke, grün und gelb und rot, die ließ sich nie vollständig herauswaschen, so oft er sie auch bearbeitete. Mit jeder Vorstellung verlor das Kostüm ein wenig seiner Farbe und verblich an den Stellen, an denen die Rinnsale flossen und so malte er geduldig die blassen Stellen der Bluse mit Filzstift aus, rote Tupfen auf Brust und Rücken.


Er spulte jeden Abend dieselben sechs Schritte im Kopf ab: zuerst essen, dann ausziehen, duschen, wieder anziehen. Schließlich schminken und als letztes setzte er Hut und Nase auf während er sich im Spiegel betrachtete. Sein kleiner gebückter Körper hatte im Laufe der Jahre an Ansehnlichkeit verloren, die Beine waren ein wenig krummer geworden, die Hände sehniger. Aber das Lächeln war geblieben, die Zähne so hell wie am ersten Tag, als er sich dem Direktor vorstellte und schwor die Menge zu unterhalten, wie es vor ihm kein Clown geschafft hätte. Seltsam, dachte er sich im letzten Moment, wie unabhängig Augen und Mund kooperierten. Dann begab er sich auf seinen Weg zur Manege.


Die breiten, flachen Schuhe waren vorne schon stark abgenutzt, sie waren ursprünglich flaschengrün gewesen, auf denen an jeder Seite fünf Sterne abgebildet waren, aber sie trugen ihn noch beständig auf seinem Weg aus Pferdemist und Stroh. Die Sterne hatten geglitzert, als er sie erhalten hatte, den Sternen auf dem Logo des Zirkus nachempfunden. Sie hatten das Licht reflektiert in der Manege, Zuschauer wurden geblendet während sie ihn anschauten und lachten. Es war ganz wundervoll gewesen. Er betrat das Zelt über den Hintereingang, schlängelte sich durch die wartenden Pferde, die nervös von Huf zu Huf trippelten, die Schleifen in den Mähnen wippend, aber sich ihrer Schönheit merklich bewusst waren, und grüßte auf seinem Weg den Elefanten, der ruhig verharrte, in seinen Augen kein Glanz. Er passierte die Akrobaten ganz vorne in der Reihe, die sich dehnten und letzte Figuren übten, den längst verinnerlichten Handstand, die sichere Brücke, das Greifen von Hand in Hand und das Verschlingen der Finger ineinander, um sich sicher aufzufangen. Ganz verloren wirkte er dort für den Außenstehenden Betrachter, die eigenen Finger ineinander verschränkt, ohne Spannung oder Vorbereitung auf die kommende Vorführung.


Vier tiefe Atemzüge später, als die Pferde durch die Manege getrabt waren, begann sein Auftritt und sein Vorhang öffnete sich. Die Vorstellung seines Lebens, sie begann immer mit demselben Witz. Sie hangelte sich an den Stationen seines Lebens entlang, die das leidbegeisterte Publikum zum Toben brachte. Gescheiterte Liebe, gescheiterte Karriere, der Weg zum Zirkus. Nie haben sie herzlicher gelacht, denn abgelenkt von der Traurigkeit ihrer eigenen Fehler lachte es sich doch am besten und er wusste, dass sie es nicht böse meinten. Tag für Tag präsentierte er hier sein Schicksal, gab es preis für das Lachen, das dann durch die Manege hallte. Sie verließen das Zelt gelöst, kehrten zurück in die Einfamilienhäuser am Stadtrand, mit akkurat geschnittenen Buxbäumchen, mit drei Schlafzimmern, denn man wusste ja nie, vielleicht kam da noch ein Kind, unwissend über das, was sie zurückließen. Sind sie zu beschuldigen? Sicherlich nicht. Sie sind nicht im Unrecht, gingen gewöhnlichen Leben nach und konnten sich ahnen, was sich hinter der Manege zutrug. Besäße er ein Stück ihrer Gewöhnlichkeit, um die er sie so beneidete, dann wäre er ihnen ein Stück näher, aber lachen, würden sie dann nicht mehr.


Noch während er im Licht stand rasten ihm zwei Gedanken durch den Kopf, die sich dort seit Tagen, vielleicht Monaten eingenistet hatten. Unter dem Hut begann sich die Hitze zu stauen, unerträglich heiß zu werden, bis der Applaus seinen Höhepunkt erreichte. Ihm war es, als bliebe da nur eine Option.

Dann erstarb das Licht, der Vorhang begann sich zu schließen und die Manege war leer.

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