• Malin

Herzrasen

Auf meinem ungemütlichen, tatsächlich recht preiswerten, aber vermutlich unter zu hinterfragenden Arbeitsbedingungen hergestellten Ikea Stuhl sitze ich in der Küche, mein Herz rast. Das erscheint mir merkwürdig, ich arbeite nicht so viel, als dass mein Herz sich an dieser Stelle bereits des Stresses entladen müsste, den der ist physisch definitiv nicht gegeben, Universität sei Dank, und hier möchte fast ich zum zweiten Mal abschweifen über das schludrige Leben der Studenten, die laut meinen Großeltern auch nichts mehr lernen und mit jedem Tag arroganter mit ihren BWL Abschlüssen um-sich-schmeißen, aber es wäre zu viel, um es in einen Text dieses Umfangs zu legen. Warum also rast mein Herz?


Ein Rückblick: Keine Woche wie jede andere, aber auch nicht so außergewöhnlich, als dass man ein Buch darüber verfassen müsste (was ich ohne zu Lügen aktuell mache und hoffe, dass es von irgendwem gelesen wird). Ein gebrochenes Herz, viel Erbrochenes und jede Menge Berechnungen, die mich erfassten. Berechnungen darüber, wie stark es wohl an mir kratzen würde, die Funkstille, die seit dem Auseinander-Gehen herrschte, zu überwinden und einen lässigen Anruf zu tätigen, den ich wohl nicht in selbiger Lässigkeit rüberbringen und am Ende bereuen würde, dann in selber Manier den Tränen nahe. Der Griff zum Telefon lohnte sich folglich eine ganze Woche nicht, aber die Schmerzen blieben und fast hätte ich mir gewünscht, dass irgendjemand sich erbarmen und eine RTL II Doku über mich drehen würde. Da ich doch sicherlich nicht die einzige war, die so etwas erdulden musste und tausend andere junge (oder alte, das ist schließlich kein ausschließlich prä-adoleszentes Phänomen) Menschen gerade auch in ihren Betten sitzen und sich die Seele aus dem Leib weinten. Die Serie bräuchte einen Titel, der mitreißend genug wäre, sodass man aus Neugier und leichter Scham einschalten würde, ähnlich wie mit Love Island (großartige Produktion, keine Frage) und selbstverständlich müsse es eine Alliteration geben, denn, sind wir ehrlich, das macht alles besser. Man würde uns keine Villa mieten können, auch RTL II hat ein begrenztes Budget, aber wenn Rapper ihre Musikvideos am S-Bahnhof Wedding drehen können, dann kann ich auch melancholisch zu Kelly Clarksons My life would suck without you über die fleckigen Pflastersteine robben, melancholisch in die Kamera schmachtend in der Hoffnung, dass es meine große Liebe sieht, realisiert, was das für ein riesiger Fehler war und mit einer Boombox vor meinem Haus steht, um mir mit einem Taylor Swift Song zu erklären, dass das jetzt unser Happy End sein muss. Das waren meine Gedanken am Montag. Dienstag und Mittwoch verstrichen in selbiger Manier. Halb so wild.


Deshalb frage ich mich, warum mein Herz am Samstag immer noch rast, es hatte nun doch weitaus genug Zeit sich aufzuregen, zu pochen, metaphorisch zu zerbrechen und bei jedem gnash Song meiner Playlist ein, zwei Schläge auszusetzen. Warum erlaubte ich jemandem, der es vermutlich, und folgt man den Ratschlägen mir nahstehender Personen, tatsächlich nicht wert war, dann musste doch auch dieses Herz realisieren, dass es keinen Sinn ergab zu rasen, wenn schon alles gesagt wurde und die Chance auf ein Happy End versiegt war, kein Feuerwerk, kein Sonnenuntergang.

Es macht mir manchmal schon fast Angst zu sehen, wie fragil ich bin, dass ich so wenigen Rückschlägen gewachsen bin. Die versteckte Kommunikation, die mein Herz und ich zu haben scheinen, ist hier definitiv destruktiv. Es ist ein wenig so wie Achterbahn fahren, man hat richtig Bock, steht in der Schlange und kann dann, aus sozialer Scham, als das Herz anfängt zu rasen, nicht mehr gehen, eingeklemmt zwischen allen Wartenden. Und dann der Moment, in dem die Hände zittern, die Waggons sich in Bewegung setzen, alles verdächtig klappert und man Achterbahninstallateur*innen immer weniger Vertrauen entgegenbringt, das Kreischen der Personen ganz vorne, die noch Fotografierenden in der letzten Reihe. Da beginnt das Herz zu rasen, wenn die Steigung kommt, die Abfahrt naht, man gar nicht mehr entkommen kann, da jetzt einfach durchmuss und sich schwört nie wieder in einen beschissenen Achterbahnwaggon zu steigen. Da sollte das Herz rasen. Hier, in der Küche, nicht. Aber ich habe fast ein bisschen Lust auf Freizeitparks bekommen.






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